Dr. Herta Scheucher
Trauer sieht äußerlich der Depression sehr ähnlich und fühlt sich auch innerlich so ähnlich an. Sie ist aber eine „gesunde“ Reaktion unseres Organismus auf einen schweren Schicksalsschlag, auf Tod oder Trennung.
Trauernde Menschen haben wenig Interesse an ihrer Umwelt, sind verletzlich und leicht erschöpft, energie- und kraftlos. Die Trauer beeinträchtigt das geordnete Denken und die Konzentration und führt häufig zu Magen- Darmstörungen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit.
Der qualitative Unterschied zur Depression zeigt sich in der Trauerarbeit. Menschen die Trauerarbeit leisten, können das Gute aus der alten Situation integrieren und sich dem Neuen zuwenden. Die Trauerarbeit ist einem ganz typischen zeitlichen Ablauf unterworfen, dem Trauerprozess.
* Die erste Phase des Trauerprozesses ist durch Verleugnung und Protest gekennzeichnet. Der Trauernde tut so als wäre alles noch beim Alten. Das Bett des Verstorbenen wird regelmäßig überzogen, seine Lieblingsspeisen werden gekocht, die Anzüge gelüftet usw.
* Die zweite Phase ist durch Verzweiflung geprägt. Das emotionale Chaos bricht aus: Schmerz, Schuldgefühle, Angst, Wut, Sehnsucht und Vorwürfe wechseln einander ab.
* Die dritte Phase dient dem Abschiednehmen und der Akzeptanz des Unabänderlichen. Dadurch, dass eine tiefe innerliche Beziehung zum Verstorbenen entsteht, wird es möglich sich wieder vermehrt der Außenwelt zuzuwenden.
* Die vierte Phase spiegelt die Wieder-Hinwendung zur Welt. Die trauernde Person kann wieder neue Beziehungen knüpfen und vertraut sich wieder dem Fluss des Lebens an.
In vielen Kulturen (in meiner Kindheit auch noch bei uns) ist oder war es üblich, dass ein Trauerjahr eingehalten wird. Durch schwarze Kleidung, Strümpfe, Armschleifen oder Kopftücher zeigten die Menschen, dass ihre Seele Trauer trägt und jeder respektierte, dass sie daher an gewissen Vergnügungen nicht teilnahmen. Dieses Brauchtum hat sich weitgehend auch auf dem Land bereits aufgelöst und der schützende Raum für die Trauer fällt mehr und mehr weg. Ganz besonders tragisch ist das bei geschiedenen Frauen und Männern, die einen ebenso großen Verlust erlitten haben und sich danach auch noch zufrieden zeigen sollen, dass ihre schlechte Ehe endlich geschieden ist. Kaum jemand versteht, wie wichtig es für Geschiedene ist, ihren gescheiterten Lebenstraum zu betrauern.
Der natürliche Trauerprozess, der gewöhnlich ein Jahr dauert, passt kaum noch in unsere hektische funktionalistische Welt. Weder Vorgesetzte noch Freunde haben in den meisten Fällen ausreichende Geduld für den trauernden Menschen, manchmal auch dieser selbst nicht. Häufig werden gesund trauernde Menschen pathologisiert und mit Medikamenten wieder funktionstüchtig gemacht. Dadurch kann es wirklich zu Krankheiten kommen, auch zur ursprünglich falsch diagnostizierten Depression.
Der Trauerprozess braucht Zeit. Der ganze Jahreszyklus mit Weihnachten, Ostern, Geburtstagen, Urlaub usw. muss mindestens einmal allein durchlebt werden um den Trauerprozess abzuschließen und das Leben in seiner neuen Qualität wieder voll zu genießen.
Doch auch der natürliche Trauerprozess kann mit professioneller Hilfe nerven- und kräfteschonender bewältigt werden als im Alleingang.
(Auszug aus dem Artikel Nicht alles was wir "Depression" nennen ist eine Depression, erschienen im Jänner 2000 in „ÖTL-Tinnigramm“, Zeitschrift der Österreichischen Tinnitus-Liga)