NACHRUF
Lebe wohl, Silvia!
Versöhnung und Enttabuisierung auf dem Sterbebett.
Vor einer Stunde habe ich die Nachricht erhalten, dass eine „meiner“ Klientinnen verstorben ist. Es ist mir ein Anliegen Ihnen / Dir liebe Leserin / lieber Leser eine kurze Geschichte meiner Arbeit mit dieser Frau zu erzählen.
Vorigen Donnerstag wurde ich von einer Sozialarbeiterin ins Krankenhaus gebeten, um eine Krebspatientin im Alter von 44 Jahren zu besuchen. (Als Honorarkraft der Österreichischen Krebshilfe Steiermark, sind mein Haus- und Krankenhausbesuche, sowie Beratungen im Beratungszentrum der Krebshilfe in der Rudol-Hans-Bartsch-Straße 15 - 17, für KrebspatientInnen und deren Angehörige kostenlos.)Auf dem Weg dorthin haben gemischte Gefühle mich bewegt. Ich selbst bin nur um 4 Jahre älter als diese Patientin. Was wird mich erwarten? Ich war vorinfortmiert, dass sie jede schulmedizinische Behandlung verweigert hatte und nun im Terminalstadium war. Ich selbst bin von der komplementären Medizin angetan, aber eine Operation würde ich niemals verweigern.
Das Wechselbad von Gedanken und Gefühlen ging weiter, als ich mein Gespräch mit der Klientin begann. Ich erwartete eine Sterbende. Sie aber strahlte mich an und freute sich über meinen Weinroten Pullover, den sie als Symbol für Heilung deutete.
Silvia war bereits sehr ausgezehrt und das Reden fiel ihr schwer. Dennoch hatte sie ein unglaublich großes Mitteilungsbedürfnis. In knappen 1 ½ Stunden gelang es ihr, die Geschichte ihrer Familie bis zur 4. Generation vor mir auszubreiten. Während sie berichtete, zeichnete ich ihren Stammbaum mit und versuchte dadurch Ordnung in ihre chaotische Ansammlung von Familiengeschichten zu bringen.
Von der Sozialarbeiterin hatte ich erfahren, dass Silvias Verhältnis zur Mutter angespannt ist und dass sie den Vater erst kurz vor seinem Tod kennen gelernt hatte. Silvia erzählte mir, dass sie den tot kranken Vater im Krankenhaus besuchte und er, unmittelbar bei ihrem Eintreten ausrief: „Da schau, die Silvia!“* Worauf hin ich erstaunt feststellte: „Ihr Vater muss sie also aus der Ferne beobachtet haben, dass er sie so schnell erkennen konnte.“ Bei diesem Satz strahlte ihr Gesicht noch mehr: „Sie haben recht! Ja, sie haben recht! Er muss in meiner Nähe gewesen sein. Er hat mich sofort erkannt!“ Die Patientin war viel zu schwach, um das Gespräch, warum sie keinen Kontakt zum Vater haben durfte, obwohl der für sie Alimente zahlte, zu vertiefen.
Bei der Erarbeitung des Stammbaumes kam die Rede auch auf den Bruder von Silvias Großvater mütterlicherseits. Sie berichtete, dass dieser von seinen Schwestern eine Waffe geschenkt bekommen habe. „Er ging damit hinaus und probierte damit herum und plötzlich schoss er sich in die Brust und war tot.“ Im Versuch mir ein Bild von der Szene zu machen, antwortete ich mehr feststellend als fragend: „Er hat also Selbstmord begangen!!?“ Zuerst antwortete Silvia mit einem reflexhaften „Nein“, das aber schnell von einem „Ja“ abgelöst wurde. „Ja, jetzt verstehe ich das. Jetzt weiß ich was damals passiert ist. Das gibt einen Sinn.“ Und wieder strahlte die junge Frau, als hätte ich ihr das größte Geschenk gemacht.
Das Thema Selbstmord war in der Familie streng tabuisiert. Daran durfte man nicht einmal denken. Alle taten so, als wäre es ein Unfall gewesen. Nach diesen und vielen anderen Geschichten war Silvia glücklich aber sehr geschwächt und bat mich eindringlich, wieder zu kommen.
Ich sagte zu ihr: „Schade, dass sie so schwach sind, sie müssten ihre Familiengeschichte aufschreiben. Das wäre ein tolles Filmdrehbuch.“ „Das müssen sie für mich machen, Frau Doktor,“ antwortete Silvia. „Leider, das kann ich nicht,“ sagte ich, „ich kann mir nicht vorstellen, wie es war in ihrer Familie aufzuwachsen. Aber wenn ich wieder komme, werden sie mir noch mehr erzählen.“ Silvia strahlte glücklich und hielt meine Hand. Ich streichelt ihr über den Kopf.
Es war sonderbar: Ich verabschiedete mich von einer tot geweihten Frau und summte ein fröhliches Lied, als ich das Krankenhaus verließ. Das war am Freitag.
Am Samstag wurde Silvia immer stiller und stiller. Am Sonntag sprach sie nicht mehr. Am Montag Nachmittag verstarb sie ruhig um 16 Uhr. Kurze Zeit später begann ich damit, ihren schnell neben her gezeichneten Stammbaum auf schönes Papier zu übertragen, um ihr ein „Bild“ von ihrer Familie am nächsten Tag mit bringen zu können, das sie selbst mit Filzstiften ausmalen sollte.
Heute früh erhielt ich einen Anruf vom Krankenhaus, dass Silvia gestern verstorben ist. Vielleicht hat sich in ihren letzten Stunden noch etwas zum Guten gewendet. Sie wusste zumindest, dass sie ihrem Vater, den sie nie sehen durfte, etwas bedeutete. Und sie durchschaute eine Generationen übergreifende Lüge in ihrer Familie.
Leider kann ich ihren Auftrag, ihre Familiengeschichte zu schreiben nicht erfüllen. Ich habe keine Ahnung, welche Gesetze und Tabus es dort gab, was erlaubt oder was verboten war. Aber es liegt mir viel daran, Ihnen oder Dir liebe Leserin / lieber Leser, von meiner kurzen Begegnung mit Silvia zu berichten und ihr auf diesem Weg ein letztes „Lebe wohl!“ zu sagen.
Herta Scheucher
P.S.: Und mir soll keiner mehr sagen, „für eine Psychotherapie ist es jetzt schon zu spät“. Wenn wir nicht mehr Zeit haben, kann sogar ein einziges Gespräch die Sicht von der Welt noch verändern. Nach dem Motto: „Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“
© Dr. Herta Scheucher, Rudolf-List-Gasse 45, 8010 Graz, Tel. & Fax: 0316/46 38 74
* Die Klientin möge mir verzeihen, dass ich aus Gründen der Anonymität einen anderen Namen verwenden muss.