Die voll funktionierende Person    --   "fully-functioning person"

Rogers interessiert sich sehr für die gesunden Menschen. Dazu verwendet er den Begriff "voll funktionierend" ("fully-functioning"), worunter er die folgenden Eigenschaften fasst:

1. Offenheit für Erfahrungen (openness to experience).
Dies ist das Gegenkonzept zur Defensivität. Man versteht darunter die akkurate Wahrnehmung der eigenen Erfahrungen in der Welt, eingeschlossen die eigenen Gefühle und Empfindungen. Es umfasst zudem die Fähigkeit, die Realität zu akzeptieren, wieder eingeschlossen der eigenen Empfindungen. Die Empfindungen spielen deshalb eine so bedeutende Rolle, weil sie organismisches Werten übermitteln. Wenn man seinen Empfindungen gegenüber nicht offen sein kann, ist man auch nicht offen für Aktualisierung. Der schwierige Teil besteht natürlich darin, die wirklichen Gefühle von den Ängsten zu unterscheiden, die durch die Wertbedingungen hervorgerufen werden.

2. Existenzielles Leben. Das Leben im Hier und Jetzt.
Rogers besteht darauf, dass wir nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben - - die Vergangenheit ist vergangen, und die Zukunft ist noch nicht vorhanden! Die Gegenwart ist die einzige Realität, die wir haben. Dennoch soll das nicht heißen, dass wir uns nicht an die Vergangenheit erinnern und von ihr lernen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass wir unsere Zukunft nicht planen oder Tagträume haben sollten. Wichtig ist, dass wir diese Dinge als das erkennen, was sie sind: Erinnerungen und Träume, die wir hier in der Gegenwart durchleben.

3. Organismisches Vertrauen (organismic trusting).
Wir sollten es uns erlauben, uns vom organismischen Bewertungsprozess leiten zu lassen. Wir sollten uns selbst vertrauen, das tun, was sich richtig anfühlt. Wir müssen uns vor Augen halten, dass Rogers das Vertrauen in das reale Selbst meint, und man kann nur erfahren, was uns das reale Selbst zu sagen hat, wenn man dafür offen ist, Erfahrungen wahrzunehmen und existenziell zu leben! Anders ausgedrückt geht das organismische Vertrauen davon aus, dass man mit der eigenen Aktualisierungstendenz in Kontakt steht.

4. Freiheit der Erfahrung (experiential freedom).
Rogers ist der Auffassung, dass es irrelevant ist, ob Menschen einen freien Willen haben. Wir gehen davon aus, dass wir einen freien Willen haben. Dennoch heißt das nicht, dass wir tun können, was wir wollen: Wir sind von einem deterministischen Universum umgeben, so sehr ich also auch mit den Armen flattere, werde ich dennoch nicht wie Superman fliegen können. Das bedeutet, dass wir uns frei fühlen, wenn uns Auswahlmöglichkeiten offen stehen. Rogers sagt, dass die voll funktionierende Person dieses Gefühl der Freiheit anerkennt und für ihre Wahl Verantwortung übernimmt.

5. Kreativität.
Fühlt man sich frei und verantwortlich, verhält man sich entsprechend, man nimmt an der Welt teil. Eine voll funktionierende Person, verbunden mit Aktualisierung, wird sich natürlich verpflichtet fühlen, zur Aktualisierung anderer und sogar zum Leben an sich beizutragen. Etwa durch Kreativität im Bereich der Künste und Wissenschaften, durch soziales Engagement und elterliche Liebe, oder schlicht indem man im Job sein Möglichstes tut.