Sieben Phasen des Beratungsprozesses
nach Carl Rogers
Rogers beschreibt die Entwicklung der Erfahrungs- und Ausdrucksqualität einer Person, wie sie sich verändert, wenn sie sich völlig anerkannt fühlt. Das Fortschreiten von einer Stufe zur nächsten hängt demnach von der Akzeptanz des/der BeraterIn ab.
Erste Phase
Starrheit und Distanz gegenüber der eigenen Erfahrung. Abneigung über sich selbst zu sprechen. „Es ist lächerlich, wenn ich Ihnen meine Sorgen erzähle.“
Es gibt kein persönliches Bedürfnis nach Veränderung. „Wenn mein Mann nur ein bisschen netter wäre, hätte ich gar kein Problem. Mein erster Mann war genauso.“ Auf die Jetzt-Situation wird mit Erfahrungen aus der Vergangenheit reagiert. Persönliche Konstrukte sind extrem starr. „Berater können einem ja sowieso nicht helfen.“ Es gibt eine Sperre gegen Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen.
In einer selbst finanzierten Therapie oder Beratung sind solche Leute selten zu finden. Wohl aber in der Psychotherapie auf Krankenschein oder als AnruferInnen im niederschwelligen Angebot der TS.
Zweite Phase
Erlebt die Person bedingungslose Akzeptanz, wird die Ausdrucksweise beweglicher. Die Themen bleiben aber noch Ich-fremd. Sie erzählt vielleicht über ihre Geschwister oder Nachbarn, mit denen sie sich vergleicht. Persönliche Verantwortung wird noch nicht wahrgenommen. „Immer wieder überkommt mich diese Depression.“ Gefühle werden ev. gezeigt, werden aber noch nicht als solche wahrgenommen und schon gar nicht zugegeben. „Nein, ich habe keine Angst in der Nacht. Ich brauch’ das einfach, dass der Fernseher eingeschaltet ist.“ „Ich bin halt so ein Mensch, der lieber auf der intellektuellen Ebene bleibt. Ich vertrag das nicht, wenn die Leute so herumflennen.“ Persönliche Konstrukte werden als Fakten wahrgenommen. „Alles was ich mache, mach’ ich falsch.“ Widersprüche werden wahrgenommen aber kaum als solche erkannt. „Ich habe immer alles gemacht was mein Mann wollte. … Nur das mit dem Liebhaber vor vier Jahren. Das war was anderes. Ich war ja so blöd! …“
Dritte Phase
Andauernde Akzeptanz erlaubt es der Person, sich selbst mehr zu akzeptieren. Die Äußerungen über sich Selbst als Objekt, werden flüssiger. „Ich bemühe mich ja eh schon so sehr.“ Das Selbst wird im anderen wahrgenommen. „Wenn ich diese grantige Stimme höre, dann glaube ich, meine Mutter spricht aus mir.“ „Ich bin wie meine Mutter / mein Vater.“ Berichte über vergangene Gefühle werden immer leichter. „Ich fühlte mich so gemein und schlecht.“ Persönliche Konstrukte sind immer noch starr, werden aber schon als Konstrukte erkannt. „Ich fühle mich immer für alles verantwortlich, obwohl ich weiß, dass ich gar nicht verantwortlich sein kann, für den Selbstmord meines Vaters.“ Widersprüchliche Gefühle werden erkannt. „Immer, wenn ich jemanden gern habe, gebe ich meine gesamte Persönlichkeit auf.“ Persönliche Entscheidungen werden als wirkungslos empfunden. „Ich möchte mir so gern etwas zum Anziehen kaufen, aber ich komme nicht aus der Wohnung raus.“
Menschen die eine Therapie beginnen, und auch bereit sind, Zeit und Geld für sich aufzuwenden, sind meist in dieser Phase.
Vierte Phase
Fühlt sich die Person bisher akzeptiert, verstanden und angenommen, kann sie zur nächsten Phase gelangen, die häufig durch ein „jetzt-nicht-mehr“-Gefühl gekennzeichnet ist. „So lasse ich mich nicht mehr behandeln.“ Gefühle werden immer gegenwärtiger erlebt. „Ich traue Ihnen nicht!“ „Ich habe Angst, dass Sie mich eines Tages weg schicken.“ „Ich langweile Sie jetzt bestimmt.“ Erfahrungen liegen nicht mehr so fern und werden häufig mit nur geringer Verzögerung wahrgenommen. „Als ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt habe, hätte ich mir den Kopf abreißen können.“ Gefühle, Konstrukte und persönliche Ansichten werden immer stärker differenziert. „Ich denke immer, ich sollte ein sozialer Mensch sein, aber ich will einfach nicht. Ich weiß ja gar nicht, was ich tun sollte. Ich fühle mich immer so hilflos, wenn ich sehe, wo ich überall mithelfen sollte.“ Beziehung erscheint ihm/ihr noch gefährlich, doch er/sie wagt sich vor. „Seit meiner Scheidung kann ich niemandem mehr trauen. Aber vorige Woche habe ich jemanden kennen gelernt, wo es sich eventuell wieder lohnen könnte.“
Fünfte Phase
Gefühle werden als gegenwärtig vorhanden frei zum Ausdruck gebracht. „Ich erwarte immer abgelehnt und weg geschickt zu werden. Das erwarte ich sogar von Ihnen.“ „Es fällt mir schwer, darüber zu reden, weil ich bei Ihnen so gern einen guten Eindruck machen möchte.“ Gefühle werden bewusst. „Ich fühle mich so traurig.“ Gefühle kommen manchmal gegen den eigenen Willen zum Vorschein. „Ich will das nicht wieder aufrühren.“ Klienten werden zu Eigentümern ihrer Gefühlsregungen. Das Bedürfnis entsteht, das eigene Ich zu leben. „Ich will nicht mehr die alles verzeihende Mutter sein. Jetzt ist Schluss.“ Zwischen einem Ereignis und der Gefühlswahrnehmung ist kaum noch eine Verzögerung. „Wenn mich jemand verletzt, nehme ich das sofort wahr. Aber manchmal dauert es noch ein paar Sekunden, bis ich reagieren kann.“ Erfahrungen werden in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit wahrgenommen. „Mein Bewusstsein sagt mir, dass ich eine bessere Umgangsweise wert bin, doch dann gehe ich doch wieder hin und weiß schon, dass nichts Gutes herauskommen wird.“ KlientInnen hören ihren inneren Dialogen wohlwollend zu.
In dieser Phase werden häufig auch sexuelle Themen angesprochen. Dabei kommt es gewöhnlich zu einem Rückfall in frühere Phasen. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich habe sonst niemanden, mit dem ich über solche Dinge reden könnte.“
Sechste Phase
Erfahrungen und Gefühle müssen nicht mehr geleugnet, befürchtet und bekämpft werden, sondern werden akzeptiert. „Das sind meine Gefühle und ich lasse sie mir von niemandem mehr ausreden.“ Die Beziehung zu sich selbst ist von umsichtiger Fürsorge geprägt. „Ich wünsche mir, wirklich gut für mich zu sorgen und für mich einzutreten. Ich entwickle eine tiefe Liebe zu mir, als unverwechselbarer Person. Es kommt mir vor wie das Heiligste, das ich in meinem Leben je gemacht habe. Es ist wie ein Gottesdienst. Das ist es ja – oder? Wenn Gott in mir lebt. Dann diene ich doch Gott, wenn ich auf mich gut schaue!?“ Mit Dankbarkeit wird die Rolle des/der BeraterIn angenommen. „Sie waren der erste Mensch, der nicht an mir herum genörgelt hat. Das hat mir wirklich sehr geholfen.“
Siebente Phase
Diese Phase findet meist schon nach Ende der Therapie/Beratung statt. Die Erfahrung wird aktuell erlebt. Keine alte Angst und keine alt hergebrachten Reaktionsweisen bestimmen mehr das Leben. „Ich freue mich auf jeden neuen Tag und bin neugierig was er mir bringen wird.“ „Wenn ich auf meine Kindheit zurück schaue, sieht heute vieles anders aus. Ich bin so stolz auf mich, dass ich aus diesen schlechten Voraussetzungen so viel Gutes gemacht habe.“
Quelle: Carl R. Rogers, Entwicklung der Persönlichkeit, Klett-Cotta, Stuttgart, 1985