BUCHBESPRECHUNG
Berlin Verlag, 2001
ISBN 3-8270-0427-6
Dieser Roman basiert auf dem Erfahrungsbericht eines
Gefangenen, der 18 Jahre in einem geheimen marokkanischen Straflager, namens
Tazmamart, inhaftiert war. Sein Vergehen war die Teilnahme an einem
Putschversuch gegen König Hassan II. im Jahr 1971. Nach 20 Jahren wurde dieses
Gefängnis, in dem es kein Licht und keine Einrichtung gab, dessen Raumhöhe nur
1,50 Meter betrug und in dem selbst das Essen als Folterinstrument diente, auf
internationalen Druck geschlossen.
Salim kommt als Zwanzigjähriger ins Gefängnis und verbringt dort seine Tage ohne zeitliche Orientierung, ohne Alter. „Ich habe mein Alter verloren.“ Als er sich kurz vor der Freilassung erstmals in einem Spiegel sah, hatte er Angst vor sich selbst, vor seinem erschrockenen und erschreckenden Blick.
Dreiundzwanzig kamen in dieses Lager, nur drei haben das Martyrium überlebt. Einige haben den Verstand verloren, andere haben Selbstmord begangen oder sind an Mangelerkrankungen gestorben, ein bösartiger Wärter hat auch damit nachgeholfen, dass er ihnen Skorpione in das Kellerloch einschmuggelte, die sie im Schlaf töteten.
Was hat Salim geholfen zu überleben? Seine erste Erkenntnis
bestand darin, dass das Erinnern sein Feind war. „Wer seine Erinnerung aufleben
ließ, starb bald danach. Es war, als schlucke er Blausäure.“ Seine Aufgabe
bestand also darin, jenen Mann, der er vorher einmal war, vollkommen von sich
abzuspalten, so als hätte es ihn nie gegeben.
Weiters wurde für ihn die Aufrechterhaltung der Würde zur obersten Pflicht. Sein Glaube half ihm dabei keine Angst zu spüren. Über viele Jahre gelang es ihnen mit großer Disziplin eine Arbeitsteilung und Zeiteinteilung zu praktizieren, die beeindruckend ist. Ein Häftling „las“ den Koran, einer übernahm es nach seinem inneren Gefühl über die Zeit zu wachen und das Jahr, den Tag und die Stunde anzusagen, ein anderer gab Englischunterricht und Salim rezitierte aus Büchern, an die er sich mit fotografischem Gedächtnis erinnerte oder erzählte von Kinofilmen, die er in Marrakech gesehen hatte. Wieder ein anderer fertigte in der undurchdringlichen Finsternis des Kerkers Nähnadeln um ihre zerschlissene Bekleidung zu reparieren. Einer war Experte für Skorpione und half ihnen somit das Attentat des Wärters zu überleben.
Sie mussten am kalten Fußboden schlafen, hatten nur zwei dünne Decken und mussten acht geben in der Nacht nicht zu erfrieren. Wenn einer von ihnen starb, versuchten sie seine Kleider und Decken zu ergattern und gaben sie jenen, die am schwächsten waren. Das Essen war schlecht und mangelhaft. Spülwasser wäre besser gewesen als jene Brühe, die sie ihnen als Kaffee servierten. Doch „die meisten, die umkamen, sind nicht an Hunger gestorben, sondern an Hass.“ Der Hass machte sie schwach und klein und griff ihr Immunsystem von innen an. Salim lernte sehr bald seinen Hass zu überwinden. Und er lernte seinen Körper zu vergessen, indem er sich auf seinen Atemrhythmus konzentrierte. „Die Hölle war in uns und um uns“. Diese Hölle war ihm nützlich um seine Stärke und Kraft zu messen. Nur in einer körperlosen Welt konnten sie Hunger und Kälte, Verletzungen und Krankheiten überleben.
Die Würde bewahren bedeutete für ihn auch, sich von jeder
Hoffnung zu distanzieren. Das bedeutete, „sich weigern, von diesem perversen
Hoffnungsstrick abzuhängen“. „Die Hoffnung war eine wie eine Beruhigungsspritze
wirkende Lüge.“
Aber es gab nicht nur Menschen wie Salim in diesem Gefängnis, der sein Wesen bei jedem Angriff auf seine Würde und sein Leben vervollkommnete. Es gab auch Häftlinge, die böse, eifersüchtig und neidisch waren. Ein Vogel besuchte Salim beispielsweise regelmäßig über das Entlüftungssystem und sang ihm vor, wie das Wetter draußen ist, und Salim fütterte ihn mit Brot. Seinen Zellennachbarn trieb das in rasende Eifersucht, auch wenn die anderen den Koran rezitierten oder Englisch lernten, fühlte er sich ausgeschlossen und wütete und quengelte, wie ein kleines Kind, das von den anderen vom Spielplatz verwiesen wird. Aber auch dieser Gefangene hat das Martyrium bis zu Schluss überlebt. Für mich als Leserin ganz unglaublich: Sowohl die „entwickeltste“ als auch die „unentwickeltste“ Persönlichkeit haben überlebt – als hätte Gott vergessen, für diesen Spezialfall Gesetze aufzustellen. „Der Mensch ist doch ein erstaunliches Wesen! Diese ungeahnten Willensreserven. Trotz aller Schwierigkeiten hält er durch“, sagte ein Wärter, der auch berichtete, dass sie über die Reihenfolge der Toten Wetten abgeschlossen haben.
Als die Inhaftierten von Tazmamart weg gebracht wurden, rollten bereits die Bulldozer an, die das Gefängnis ausradierten, damit man hinterher sagen konnte, solch ein Ort des Grauens habe niemals existiert. Für die wenigen Überlebenden war es, als würde man ihnen ihr Leben ein zweites Mal wegnehmen.
Zurück im zivilisierten Leben hielt sich der „Freudentaumel“ in Grenzen. Wer das reichliche Essen zu sich nahm, das ihnen zum Aufpäppeln angeboten wurde, krepierte fast an den Folgen. Als Salim sich erstmals in ein weiches Bett legte, hatte er den Eindruck als stürze er mit einem Fallschirm ab, der sich nicht öffnen lässt. Sein Gebiss war verfallen, seine Wirbelsäule hatte sich gekrümmt, die Galle funktionierte nicht mehr. Vor der Freilassung wurde ihnen mit neuerlicher Inhaftierung gedroht, falls sie auch nur ein Wort gegenüber der internationalen Presse verlauten ließen. Sein Blick versetzte die anderen in Angst und Schrecken. Am sozialen Leben beteiligte er sich nicht. Er konnte seinen Angehörigen nicht erzählen, was ihm geschehen war, denn Worte reichten dazu nicht aus. „Er steht noch unter Schock. Er ist seltsam! … er hat ein Trauma“, damit überließ man ihn seiner eigenen Welt.