BUCHBESPRECHUNG

 

Im Keller

Jan Philipp Reemtsma

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 3. Aufl. 2002

ISBN 3-499-22221-3

 

 

1996 wurde der erfolgreiche Sozialforscher, Buchautor und Millionenerbe Reemtsma entführt. 33 Tage blieb er in einem Keller in Gefangenschaft seiner Entführer.

Auf beiden Seiten waren Profis am Werk: Die Entführer handelten gut überlegt, Reemtsma reagierte überlegt und reflektierte mit dem erweiterten Blick eines Wissenschaftlers was um ihn und mit ihm geschah.

 

Er selbst war und ist Experte auf dem Gebiet der Traumaforschung und gibt dem Leser einen guten Einblick in die Erlebnisse einer traumatisierten Person. Sein Bericht ist in der dritten Person verfasst. Für ihn war die Zeit im Keller etwas außerhalb von ihm selbst. Etwas nicht Ichhaftes. Ein (fast nebensächlicher) Satz bringt diesen Zustand  auf den Punkt: „Es war nicht so, dass ihm etwas fehlte, er war nicht da.“ Er war vielmehr der Ort der Angst als die Person, die Reemtsma als „ich“ bezeichnet.

 

Die Möglichkeit seine Eindrücke, Befürchtungen und Überlegungen im Keller aufzuschreiben, erlaubte es ihm, seine unveränderliche Situation zu vergegenständlichen. „Wenn man so will, war das Stück Papier der Ort seines Ichs.“ Doch er musste seine Aufzeichnungen zurück lassen, was ihm wie der Verlust seiner Persönlichkeit vorkam.

 

Reemtsma war im Keller in einer Art auf sich selbst zurück geworfen, wie ich mir das vorher gar nicht vorstellen konnte: Absolute Finsternis mit künstlicher Beleuchtung, nur indirekter Kontakt mit der Außenwelt über Inserate in Tageszeitungen, von den Entführern ausgewählte Bücher, spärliche Gespräche mit einem der Entführer, den er niemals sehen durfte, Berichte über missglückte Lösegeldübergaben aus der Sicht eines Entführers...

 

Sehr klar erkennt Reemtsma in dieser Situation, dass das Ich ein Konstrukt ist, das wir nicht ohne Zutun „haben“. Das Ich entsteht vielmehr in unseren vielfältigen Kontakten mit der Umwelt. Wenn aber keine Umwelt da ist, bzw. wenn sie reduziert ist auf einen einzigen Raum mit Matratze, Armbanduhr, Campingtoilette, Glühlampe, Heizkörper und Ketten – wie soll man dann ein Ich konstruieren?

 

In der dritten Person berichtet Reemtsma über die Gedanken und Gefühle des Mannes im Keller. Die Süddeutsche Zeitung sieht in dieser fiktiven Figur einen Helden. Diese Auffassung kann ich nicht teilen! Ich habe nur einen Mann gesehen, einen Mann mit starken Gefühlen. Wie oft kommt es schon vor, dass ein Mann von seiner Angst berichtet? Wie oft erlebt man es, dass ein Mann von seinen existenziellen Unsicherheiten spricht? Sogar als Psychotherapeutin höre ich selten von Männern, dass sie sich einer Sache schämen. Als ich mit dem Buch fertig war und es ins Regal stellte, hatte ich das traurige Gefühl, einen guten Freund verloren zu haben, der mir offen und ehrlich über seine Erfahrungen, Gedanken und Emotionen im Keller berichtet hat.

 

© Dr. Herta Scheucher, Rudolf-List-Gasse 45, 8010 Graz, Tel. & Fax: 0316/46 38 74