Psychische Unterstützung kann den Schaden subjektiver Erklärungsmodelle zur  Krebsentstehung verringern

 

Dr. Herta Scheucher

 

Jeder weiß heute, dass Spitzensportler von höchst qualifizierten Sportpsychologen unterstützt und motiviert werden, damit sie um genau jene Hunderstel Sekunde schneller sind, die ihnen zum Sieg verhilft. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, dem Sieger deshalb „Schwäche“ oder gar „Verrücktheit“ vorzuwerfen. Das Gegenteil wäre eher der Fall: Wenn jemand sich weigert alles für seine Höchstleistung zu tun, müsste man ihn für verrückt halten.

 

Warum sehen das so viele im Zusammenhang mit Krebs anders? Krebsbehandlungen, wie Chemotherapie oder Strahlentherapie durchzustehen, ist für viele Menschen genau so anstrengend, wie eine sportliche Spitzenleistung.

 

Dennoch fragen manche, wenn man ihnen empfiehlt, psychische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ob man sie für verrückt hält. Ein wesentlicher Grund für die Inanspruchnahme einer Psychotherapie bei Krebs ist die eigene Erklärung, die sich PatientInnen geben, warum oder warum gerade sie krank geworden sind. Jede dieser Erklärungen hat Folgen für das seelische Gleichgewicht und ist mehr oder weniger effizient für den Heilungsprozess.

 

Der amerikanische Autor Ken Wilber* hält fünf subjektive Denkmuster für typisch:

 

Diese Denkmuster haben nichts mit wissenschaftlichen Theorien im eigentlichen Sinn zu tun. Es leuchtet aber ein, dass es Unterschiede in der Kooperation mit dem Ärzteteam gibt, je nachdem, welche subjektive Theorie der Krankheitsentstehung man hat.

 

Psychologische oder psychotherapeutische Gespräche können hier Klarheit schaffen und den Organismus unterstützen, genau die Methode anzunehmen, die als notwendige Behandlung vorgesehen ist. Dysfunktionale Theorien erschweren die Kooperation. Mit Schuldfragen und Ursachenforschung stellt sich der/die Patient/in selbst ein Bein auf seinem Lebensweg.

 

Neue Fragen müssen gestellt werden: „Wozu fordert mich die Erkrankung heraus?“ „Welche ungelebten Wünsche und Sehnsüchte wollen noch verwirklicht werden?“ „Welche vermiedenen Entwicklungen drängen sich auf?“

 

 

© Dr. Herta Scheucher, Rudolf-List-Gasse 45, 8010 Graz, Tel. & Fax: 0316/46 38 74


 

* Ken Wilber, Mut und Gnade. Scherz-Verlag, 1992, zitiert in: Hans Jellouschek, Bis zuletzt die Liebe. Als Paar im Schatten einer tödlichen Krankheit. Verlag Herder, Freiburg i.B. 2002