BUCHBESPRECHUNG
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978
ISBN 3-462-01261-4
Wer wissen möchte, welche Menschen auf der dunklen Seite des Lebens stehen und anderen Traumatas zufügen, die die allgemein-menschliche Vorstellungskraft bei weitem übersteigen, der muss sich dieses mehr als 25 Jahre alte Buch beschaffen und wie durch ein Guckloch in die Welt eines skrupellosen Psychopathen hinein schauen.
Dieses Buch wurde in einem französischen Gefängnis von einem österreichischen Zuhälter und Gewaltverbrecher in schonungsloser Offenheit niedergeschrieben. Abgesehen von einer schon im Ansatz gescheiterten Liebesbeziehung zu einer bedingungslos liebenden, reifen Frau, ist kaum ein Verhalten oder eine Gefühlsregung nachvollziehbar.
Weder seine unmotivierte Brutalität, noch seine Anklage gegen „die Gesellschaft“, noch sein Hass gegen seinen Vater sind nachvollziehbar. Auch nicht sein Mangel an positiven Gefühlen, wie Dankbarkeit gegenüber Menschen, die ihm das Leben erleichtern. Einzig und allein seine Mutter weckt ein emotionales Gemisch aus Mitleid, Dankbarkeit und Liebe.
Der Einblick in den Gefängnisalltag ist bestürzend und ich hoffe sehr, dass Herr Sobota mit seinen Enthüllungen über den ganz normalen Strafvollzug, Reformen in Richtung menschenwürdiger Unterbringung angeregt hat.
Noch bestürzender aber ist seine Gefühlskälte. Am dramatischsten sind für mich die Beschreibungen, wie er jungen Mädchen Gewalt angetan hat. In einem Fall hat er den Freund des jungen Mädchens niedergeschlagen und das Mädchen selbst, das er durch zärtliche Zuwendung spielend leicht gewinnen hätte können, brutal vergewaltigte. Als er sein Bedürfnis befriedigt hatte, hat er es seinem Kumpel (das Wort „Freund“ möchte ich hier nicht missbrauchen) zur zweiten Vergewaltigung überlassen und sie dann in der Nacht irgendwo zwischen Wiesen und Wäldern ausgesetzt.
In einem zweiten Fall beschreibt er die Entführung einer jungen Frau, die er unter körperlichen Misshandlungen und psychischen Demütigungen, für den Export nach Deutschland, als Prostituierte „abgerichtet“ hat.
Jede Mutter, jeder Vater kann nur hoffen, dass seine Tochter niemals einem Mann begegnet, der so charmant und verführerisch und so gewissenlos ist, wie Heinz Sobota.
Der Schlüssel zu all diesen Gewalttaten scheint in seinem Selbsthass zu liegen. Über lange Zeit hat man den Eindruck, dass Sobota überhaupt alles machen muss, was verboten ist. Erst eine junge Frau, im Frauengefängnis zwei Stockwerke über ihm, motivierte ihn erstmals, sich angepasster zu verhalten, damit sie einander bei den Haftbegünstigungen sehen können. Als Leserin hatte ich den Eindruck, als wäre er selbst auch nach 100 Jahren Haft nicht auf die Idee gekommen, durch Einhaltung der Spielregeln oder durch Kompromisse einen Vorteil zu erlangen. Im Gegenteil: Würde man das Suppeessen mit der Gabel verbieten, wäre Sobota der erste gewesen, der von diesem Tag an die Suppe konsequent mit der Gabel gegessen hätte und jede Strafe triumphierend angenommen hätte.
Aber was kann ein so konsequent antisoziales Verhalten bei einem Menschen auslösen? Sein Vater war hart und streng. Sein Vater ging fremd und der vierjährige Sohn hat ihn dabei gesehen. Die Mutter war schwach und dem Sohn in bedingungsloser Liebe zugewandt. Für die Mutter war er Partnerersatz. Ist das nicht ein Schicksal von tausenden Männern, der Nachkriegszeit? Nein, ich möchte das kindliche Trauma damit nicht abschwächen – sein Verhalten damit aber auch nicht entschuldigen. Ich kann und will es auch gar nicht verstehen, weil ich mehr Mitgefühl für die jungen Mädchen habe als für den brutalen Gewalttäter. Ich habe auch mehr Mitgefühl für die im Gefängnis missbrauchten und vergewaltigten zart besaiteten jungen Männer als für ihre Vergewaltiger.
Mitgefühl entwickle ich höchstens bei dem Gedanken an das vergeudete, verschwendete Potenzial eines jungen Menschen, der eine hohe Reflexionsfähigkeit, sprachliches Talent, Lebenstüchtigkeit und eine beneidenswerte Vitalität besaß, und daraus – zumindest bis zum Zeitpunkt der Romanabfassung – nichts Positives gemacht hat. Mitgefühl entwickle ich für den jungen Mann, der keine Liebe für sich oder andere empfindet. Mitgefühl entwickle ich für einen Menschen, der nur nimmt und nicht einmal durch ein Gefühl der Dankbarkeit, geschweige denn durch andere Gesten und Verhaltensweisen, eine Gegenleistung erbringt. Im Roman erhalten wir keine Aufklärung darüber, wo er es gelernt hat, dass er nur zu nehmen braucht und niemals geben muss.
Die einzige Frau (abgesehen von seiner Mutter), die in diesem Roman vorkommt und nicht nur missbraucht wird, ist Stella, die die Fähigkeit hat, hinter seiner grausamen Fassade die Person zu sehen. Auf Dauer kann es ein Mensch allerdings nicht ertragen, dass er mehr geliebt wird als er sich selbst lieben kann. So endet diese Liebesbeziehung auch damit, dass sie sich von ihm zurückzieht um ihre Würde zu retten. „Hinter vielen, vielen Schichten, vielleicht unerreichbar, vielleicht doch zerstört, bist du der Mann, den ich liebe, aber ich kann so nicht mit dir leben. … Dein Gehirn verrottet, deine Seele schwimmt im Dreck, und du siehst tatenlos zu. Von all dieser unnennbaren Zärtlichkeit ist nur Zerstörungsdrang und Aggressivität geblieben.“ Das schreibt sie ihm im Abschiedsbrief und der Leser weiß genau so wie er selbst, dass sie damit recht hat.
Aber nicht nur er hat ein fatales Defizit an Selbstliebe, sondern auch die Frauen, die ihn lieben – abgesehen von Stella. Wie selbstverständlich umwerben sie ihn, gehen auf jeden seiner perversen Wünsche ein, lassen sich demütigen und schlagen und gehen für ihn auf den Strich, als ob es der größte Liebesbeweis wäre, für ihn anschaffen zu dürfen.
Dort wo gesunde Menschen Selbstliebe empfinden, gibt es für Sobota nur Egoismus ohne soziales Empfinden. Oft genug kotzt ihn seine eigene Gegenwart an und die der anderen fast immer. Seine Frauen zeigen statt Selbstliebe hündische Ergebenheit ohne Selbstachtung. Sein Kumpel Harry ist eine willenlose Kreatur, die ihm die Drecksarbeit macht. Die bewertende Instanz, die einem Menschen sagt, was gut für ihn und den anderen ist, fehlt vollkommen. Ihnen ist gemeinsam, dass ihr Handeln nicht auf nachhaltiges Wohlbefinden ausgerichtet ist.
Die Auflistung seiner pathologischen Persönlichkeitsmerkmale weckte in ihm „so etwas wie perversen Stolz“. Seiner Freundin Stella gegenüber definiert er sich so: „Du bist ständig Plus, ich pausenlos Minus. … Ich hab Angst vor Dingen, die sich nicht mit Schwanz und Faust zwingen lassen. Es war zulange selbstverständlich erst mal zuschlagen und dann zu überlegen, wenn überhaupt, oder manchmal zu bedauern. Es ist die einfachste, die gültige, die Zuchthauslösung. Wer sie bis heute nicht akzeptieren wollte, dem schlug ich, oder er mir, die Zähne ein. Das direkte Erfolgserlebnis.“ So einfach kann die Logik eines Psychopathen sein.
So dankbar ich Herrn Sobota auch bin, dass er mir Einblick gewährt hat in ein Menschsein, das mir bisher fremd war, so bin ich doch froh das zu Ende gelesene Buch wieder schließen zu können und hoffe, niemals einem Menschen wie ihm zu begegnen.