Lebensangst – Todesangst
„Das Leben ist nicht ohne den Tod zu haben. Lebendigsein kann man nicht ohne die Wahrnehmung von Gefährdung und Tod.“[1] Wer das Leben nicht riskiert, endet in Erstarrung. Wenn wir das Leben leben, müssen wir seine Gefährdung riskieren und mit der Gewissheit des persönlichen Todes umzugehen lernen. Nur wenn wir das Risiko eingehen, die Angst zu spüren, können wir auch die Lust erleben, die das Leben für uns bereithält.
Das Leben nicht zu riskieren würde bedeuten, der Angst durch ein „Ersatzleben“ (Bauriedl) zu entkommen versuchen. Das Ersatzleben finden wir überall dort, wo wir zusehen, statt etwas zu tun: Fernsehen, Kino, Zeitschriften, Bücher etc.
Zur Angstbewältigung benötigen wir die „Trauerarbeit“ (Freud). „Trauerarbeit ist Trennungsarbeit. Es geht um die Trennung von einem geliebten Objekt, also zum Bespiel von einem geliebten Menschen, aber auch um die Trennung von Wunschvorstellungen und idealen, die sich als nicht realisierbar oder als Irrweg auf der Suche nach einem glücklichen Leben erwiesen haben.“[2]
Grundformen der Angst
Riemann[3] unterscheidet vier Grundformen der Angst:
1. Angst vor Selbsthingabe:
Diese Form der Angst beinhaltet die Gefahr von Ich-Verlust und
Abhängigkeit.
2. Angst vor Selbstwerdung:
Gefahr von Ungeborgenheit und Isolierung.
3. Angst vor Wandlung:
Permanente Gefährdung durch Vergänglichkeit und Unsicherheit.
4. Angst vor dem
Unausweichlichen:
Gefährdung durch Endgültigkeit und Unsicherheit.[4]
Zu den „Schwestern“ der Angst können wir auch Kummer, Sorgen, Zorn, Wut, Aggression, Feindseligkeit, Schuld und Scham zählen. Auf der anderen Seite der Polarität stehen Mut und Hoffnung, Liebe und Vertrauen.
Unproduktive Umgangsformen mit der Angst
· Nicht-Wahrnehmen
Alle Freunde und Bekannte erkennen bereits, dass
sie sich in einem Minenfeld bewegen, nur die betroffene Person selbst kann und
will ihre Angst nicht wahrnehmen.
· Verleugnung, Nicht-Wahrhaben-Wollen
Familienmitglieder spielen nach außen „heile
Welt“, obwohl jeder weiß, dass die Frau Angst hat vor dem baldigen Tod des
Familienernährers, sowie das Haus und ihren Lebensstandard zu verlieren, die
Kinder haben Angst, dass sich die Mutter etwas antut, der kranke Vater hat
Angst, dass die Bank seiner Familie alles weg nimmt etc.
· Körperliche Symptome
Innere Unruhe, Muskelverspannungen,
Angstattacken, Schlaflosigkeit, Angstzustände in der Nacht, Panik, Schmerzen,
Todesangst.
Produktive Umgangsformen mit der Angst
Ein Leben ohne Angst ist uns Menschen nicht möglich. Unser Ziel muss es daher sein, Angst zu bewältigen, mit ihr umgehen zu lernen.
· Sinnsuche
Welchen Sinn haben
Krankheit und Tod für mich? Im Prozess des Sterbens können sich Menschen so nahe
kommen, wie noch nie zuvor.
Ein sterbender Mensch kann seinen Nachkommen eine Nachricht, eine Botschaft
hinterlassen. In einem AIDS-Projekt in
Afrika, werden Eltern, die ihrem Tod entgegen leben dazu angeregt, ihren Kindern
ein Vermächtnis zu hinterlassen, das sich entweder auf Gedanken über das Leben
bezieht oder die Kinder mit den Ahnen bekannt macht oder den Waisen einfach
übermittelt, wie sie ihre Felder bestellen sollen.[5]
· Glaube
An ein Leben nach dem Tod zu glauben, oder an einen göttlichen Plan, kann Angst reduzieren.
· Spiritualität
Die Überzeugung, in einen höheren Plan eingebunden zu sein und mit allem was existiert in Verbindung zu stehen, verringert das Gefühl von Einsamkeit und Bedrohung.
· Hoffnung
Hoffnung ist ein starker
Gegenspieler der Angst. Im Angesicht des Todes verwandelt sich die Hoffnung
ständig: Vom gesund werden zu dürfen über die Hoffnung auf ein noch möglichst
langes Leben mit der Krankheit bis hin zur Hoffnung auf ein schmerzfreies
Sterben.
· Soziale Kontakte
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die wichtigste Ressource um sich geistig zu entwickeln, ein soziales Gewissen zu erlangen und vor Isolation gefeit zu sein, sind stabile soziale Beziehungen.
Möglichkeiten als
HospizbegleiterIn mit der Angst des Sterbenden umzugehen
- Das Thema Angst an- und
aussprechen.
- Zuhören, wenn der/die Sterbende seine Angst anspricht. Nicht argumentieren
oder rationalisieren. Hier sind Empathie (Einfühlungsvermögen), Akzeptanz und
Kongruenz (Echtheit) gefragt. Wenn Sie sich nicht trauen über das Thema zu
reden, sprechen sie es lieber nicht an!
Nicht überlegen, „was kann ich tun?“, sondern darauf achten, wie groß ist das Vertrauen zwischen mir und der anderen Person, über Ängste frei zu reden.
- Zuhören und nicht sagen: „Das kenne ich auch.“ – Es sei denn, sie waren tatsächlich einmal todkrank.
- Etwas vorlesen. Die Stimme eines anderen Menschen kann noch gehört werden, auch wenn die begleitete Person selbst nicht mehr sprechen kann.
- Worte der Liebe als letztes Geleit.
- Dasein und Körperkontakt
anbieten, wenn das Gesprochene nicht mehr ankommt.
- Nachtwachen anbieten und organisieren. In der Dunkelheit und Stille der Nacht
wird die Angst meistens größer.
- Die Ambivalenz zwischen leben wollen und sterben wollen aushalten.
- Erlaubnis geben sterben zu dürfen.
[1] Thea Bauriedl, Das Leben riskieren. Psychoanalytische Perspektiven des politischen Widerstands. Piper, München, 1988, S. 20
[2] ebenda, S. 179
[3] Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel, 1987
[4] zitiert aus: Monika Specht-Tomann, Doris Tropper, Zeit des Abschieds. Sterbe- und Trauerbegleitung. Patmos Verlag Düsseldorf, 1998
[5] Dieses Projekt wird vom schwedischen Schriftsteller Henning Mankell international propagiert und gibt tausenden unter den Millionen afrikanischer Waisenkinder eine Orientierung für eine elternlose Zukunft.