Psychotherapie für krebskranke Menschen
„Wie mobilisiert man die Selbstheilungskräfte des Patienten zur Unterstützung seines Behandlungsprogramms?“[1], das ist die zentrale Frage, die sich der Psychoonkologe Lawrence LeShan stellt. Der heutige biopsychosoziale Ansatz legt uns nahe, dass alle Bereiche des menschlichen Lebens, seine physischen, psychischen und geistigen Bereiche, sowie seine Beziehungen und seine Umgebung zu beachten sind. Keiner dieser Aspekte kann ungestraft vernachlässigt werden.
Damit ein Behandlungsansatz voll zur Wirkung kommen kann, sehe ich mich als Psychologin und Psychotherapeutin aufgerufen die Erlebenswelt des erkrankten Menschen – eingebettet in sein berufliches, privates und familiäres Umfeld sowie seine Einstellung zur Krankheit, zur Behandlung und zu den behandelnden ÄrztInnen – so genau wie möglich zu erfassen, um zu erkennen, wie seine vorhandenen Ressourcen zur Heilung und Selbstheilung am besten zu mobilisieren sind.
Das Auseinanderdriften von Medizin und Psychologie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts lässt sich für LeShan zwar gut erklären, aber er sieht auch die Nachteile, die es für die PatientInnen brachte. Bevor es die modernen Techniken, wie biochemische Untersuchungen, Röntgenaufnahmen oder Computertomographie gab, war der Arzt gezwungen, den PatientInnen sehr genau zuzuhören um über ihre Erzählungen herauszubekommen, was ihnen fehlt. Heute kommt die Rolle des Zuhörers vor allem den PsychoonkologInnen zu.
Die Stärken der Klientenzentrierten Psychotherapie
Die Klientenzentrierte Psychotherapie, umgangssprachlich als Gesprächstherapie bezeichnet, steht auf drei Säulen, der Empathie im Umgang mit den KlientInnen, der Akzeptanz ihrer Person und der Kongruenz des Behandlers selbst.
Empathisch sein, bedeutet sich in das Gegenüber einfühlen zu können. Ich kann die private / persönliche Welt dieses Menschen erspüren, als wäre es meine eigene, ohne jedoch zu vergessen, dass es dennoch nicht meine Welt ist. Diese Wahrnehmung wird oft als „Als-Ob“-Wahrnehmung bezeichnet. Ich kann mir vorstellen, wie verzweifelt mein Klient war, als ihm die Diagnose Krebs übermittelt wurde, aber ich bin nicht in seiner Lage. Wenn ich mich einfühlend in die persönliche Welt meines Gesprächspartners begeben kann, kann ich Wahrnehmungen verbalisieren, die mein Gegenüber auch hat, sie aber kaum selbst wahrnimmt und schon gar nicht artikulieren kann.
Akzeptanz ist die bedingungslose positive Zuwendung zu einem Menschen, die keine persönliche Belohnung fordert. Das Gegenüber erfährt eine warme Anteilnahme, die nicht Besitz ergreifend ist. Atmosphärisch erleben wir Akzeptanz als „angenommen werden“, „ich darf so sein wie ich bin“, „gehalten werden“, „jemand ist für mich da“.
Kongruenz bedeutet im Idealfall, dass sich der Therapeut / die Therapeutin vollständig dessen bewusst ist, was er /sie im Augenblick gerade erlebt. Wenn er / sie angespannt ist, erlebt er / sie die Anspannung. Wenn er / sie traurig ist, erlebt er / sie die Trauer. Das Wahrnehmen von Kongruenz im Alltag erfolgt intuitiv und ist allgegenwärtig. Wir spüren meist sehr genau, ob eine Person das was sie sagt auch wirklich meint oder ob sie etwas vortäuscht. Kranke Menschen in der Beratungssituation sind besonders sensibel für echte oder vorgetäuschte Anteilnahme.
Die Klientenzentrierte Psychotherapie hat keine Charakterlehre und keine Psychopathologie im Hintergrund. Sie sagt nichts darüber aus, wie die KlientInnen zu sein haben, damit man sie als „gesund“ einstufen kann. Die Theorie der Klientenzentrierten Psychotherapie sagt lediglich etwas darüber aus, wie sich die TherapeutInnen, bzw. die BeraterInnen zu verhalten haben.
Der Vorteil dieses Ansatzes besteht darin, dass die KlientInnen sich selbst im Idealfall in einem Klima entdecken und erkennen können, das keine Wertungen über ihre Gefühle, Bewertungen und Handlungen kennt. Die Person fühlt sich angenommen, so wie sie ist. In diesem Klima kann sie sich von einer Person, die starr und distanziert gegenüber ihren eigenen Erfahrungen ist zu einem Menschen wandeln, der seine eigenen Gefühle wahrnimmt, ernst nimmt, versteht und ausdrückt. Die Person, die sich selbst anfangs mit Verständnislosigkeit und Selbstkritik begegnet war, wandelt sich zu einem Menschen, der für sich Verständnis hat und für seine Bedürfnisse eintritt.
Die Stärken der systemischen Familientherapie
Die systemische Familientherapie hat ebenso, wie die Klientenzentrierte Psychotherapie keine Persönlichkeitstheorie und keine Psychopathologie, sondern eine Kommunikationstheorie im Hintergrund. Hier geht es vor allem darum, wie ein Mensch mit sich und seiner Umwelt kommuniziert. Wer hat welche Position in der Kommunikation, wer hat welchen Stellenwert, welche Macht etc.? Welche Auswirkungen hat eine bestimmte Handlung auf andere Mitglieder des Systems?
Für Familien, in denen eine Person an Krebs erkrankt ist, stellt sich bspw. die Frage, wie standen die Familienmitglieder vor der Erkrankung zu einander in Beziehung und was hat sich verändert, als die Erkrankung dazu kam. Nicht selten kommt bei dieser Art der Befragung zum Vorschein, dass die Beziehung schon lange vorher nicht mehr tragfähig war und manchmal verändert sich durch die Erkrankung etwas zum Positiven, manchmal wird das Unerträgliche noch deutlicher sichtbar.
Die Stärken der Hypnotherapie
Die Hypnotherapie hat vor allem den Umgang der Person mit sich selbst zum Inhalt und bemüht sich um effizientere Strategien im Sinne der selbst gewählten Zielerreichung. In der Krebsbehandlung geht es hier vor allem um die Aktivierung der Selbstheilungskräfte, die Stärkung des Selbstvertrauens und des Vertrauens in die Welt und die Behandlung. Erreicht wird dieses Ziel dadurch, dass in ausführlichen Explorationsgesprächen die aktiven, vergessenen, verschütteten oder verdrängten Ressourcen einer Person ausfindig gemacht werden und so in Suggestionen eingebettet werden, dass sie längerfristig als Autosuggestionen wirksam werden können.
In der Hypnotherapie verändert sich die Gehirnaktivität: Die linke Hemisphäre wird gehemmt, während die rechte aktiver wird, die Aufmerksamkeit wird fokussiert, Schmerzen treten in den Hintergrund, Wundheilungen erfolgen rascher, erhöhter Blutdruck sinkt, das Immunsystem wird aktiviert, Alltagsprobleme können besser gelöst werden. Diese und andere Wirkungen sind wissenschaftlich vielfach nachgewiesen worden.
Die hypnotherapeutischen Sprachmuster haben den Vorteil, dass völlig unbemerkt Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht und Zukunftspläne aktiviert werden können. Das ist bei KrebspatientInnen besonders wichtig, weil die Diagnose selbst schon so negativ besetzt ist und oft noch mit dem sicheren Tod assoziiert wird. Jedes falsche Wort verstärkt die Todesangst und untergräbt die Zuversicht. Ängstliche, traumatisierte und misstrauische Menschen können ihre Selbstheilungskräfte nur mangelhaft aktivieren, wodurch die Kooperation mit dem medizinischen Team behindert wird. PatientInnen, die voller Hoffnung sind, dass sie zu den soundso viel Prozent derer gehören, die wieder gesund werden, die darauf Vertrauen, dass ihr Arzt die beste Behandlungsstrategie ausgewählt hat, werden sich durch größere Compliance auszeichnen. Manche SchmerzpatientInnen erleben in der hypnotherapeutischen Sitzung wohltuende Ausnahmen von einem sonst von Schmerzen gepeinigten Leben.
Alle drei Behandlungsmethoden (Klientenzentrierte Psychotherapie, Systemische Familientherapie und Hypnotherapie) sind ganz und gar auf die Ressourcen des Menschen, auf seine gesunden Anteile fokussiert.