BUCHBESPRECHUNG

 

Samarkand. Eine Reise in die Tiefen der Seele.

Olga Kharitidi

Verlag List, 2001

ISBN 3-471-79478-6

 

Olga Kharitidi, die russische Psychiaterin ist mir bereits als Autorin des erfolgreichen Romans „Das weiße Land der Seele“ bekannt, in dem sie eine spirituelle Reise unternimmt, die mir als Leserin ganz unwirklich realistisch erschien. Eines haben beide Romane allerdings gemeinsam, sie gingen mir durch ihren begriffsstutzigen Stil auf die Nerven. Alle LeserInnen wissen bereits worum es geht, nur die Protagonistin in der Geschichte steht immer noch auf der Leitung. Aber wenn ich davon absehe, sind beide Romane höchst interessant und lesenswert.

 

Warum ich diese Buchbesprechung in meine Homepage gebe, liegt daran, dass Kharitidi sich darin sehr ausführlich mit Traumatherapie beschäftigt. Vor allem die Beschäftigung mit dem kollektiven Trauma, das jahrhunderte nachwirken kann, ist psychologisch ja noch sehr unterbelichtet.

 

Einige Passagen entnehme ich unmittelbar von Wladimir, einem geheimnisvollen Mann, an dessen Vortrag die Psychiaterin teilnimmt. Sie sprechen für sich selbst und jede Übersetzung in meine eigene Sprache, könnte ihren Gehalt nur verdünnen.

 

   „Die Quellen von Unglück und Krankheit nennen wir ‚Trauma’. Und wir glauben, dass wir alle lebendige Verkörperungen des Traumas in uns tragen. In unserer Tradition nennen wir sie ‚Dämonen des Traumas’. Wenn etwas Sie verletzt und Sie das nicht voll und ganz als Teil Ihrer persönlichen Geschichte akzeptieren, entsteht eine Lücke in Ihrer Erinnerung; eine Lücke, die, wenn die Verletzung schlimm genug ist oder häufig wiederholt wird, von einem Dämon besetzt wird. Sie brauchen sich darunter nicht unbedingt ein altmodisches, scheußliches Monster vorzustellen, das auf Ihrem Rücken sitzt und Ihnen das Blut aussaugt.“ … „Sie können darüber auch in Begriffen der neurokognitiven Wissenschaft nachdenken, falls Ihnen der Ausdruck ‚Neurotransmitter’ besser gefällt als ‚Kreaturen der Nacht’. Sie können Sie als andere Manifestation von Wesen oder als nichtintegrierte Verkörperungen bezeichnen; Sie können jede Sprache oder jede Matapher benutzen, die Ihnen gefällt. … Wichtig ist der Prozess. Der interne psychische Prozess, der sich häufig über Generationen durch die Vererbung von Traumamustern fortsetzt, die vielleicht vor sehr langer Zeit bei einem Ihrer Vorfahren durch eine unerträgliche Verletzung entstanden sind.

   Menschliche Gene sind wesentlich flexibler, als wir glauben. Sie nehmen wahr in demselben Maße, wie sie agieren. Wenn sich eine Verletzung erst einmal in den Genen niedergeschlagen hat, agieren diese anders und verzerren die Erinnerung. Dadurch bleibt sie unvollständig. Es entsteht eine Lücke in der Erinnerung, und der Dämon des Traumas nistet sich ein, unbemerkt von unserem Bewusstsein.

   Der Dämon eines Traumas ist am Werk, wenn ein Mann, der eine wunderbare Familie hat, ein angenehmes Leben führt und psychisch stabil ist, eines Morgens aufsteht, seiner Frau eine Nachricht hinterlässt, seinem elfjährigem Sohn einen Abschiedskuss auf die Stirn drückt und mit dem Rasiermesser in der Tasche auf den Friedhof geht. Und auf dem Grab seines Vaters, der sich, als sein Sohn genau elf Jahre alt war, erhängte, schneidet er sich die Kehle durch. Er schneidet so tief, dass das Grab mit seinem Blut getränkt ist, als die Polizei ihn findet, und dass nur ein medizinisches Wunder ihn wieder ins Leben zurückbringen kann. Wenn er wieder aufwacht, kann er nicht erklären, was geschehen ist. Er kann nichts sagen, außer dass sein Vater ihm so Leid tat und dass er bei ihm sein wollte.“ …

   „Derselbe Mechanismus funktioniert auch bei kleineren Dingen. Sobald wir in diese Welt eintreten, fangen wir an, im Korb unseres Gedächtnisses individuelle Verletzungen zu sammeln. … Jedes Geschöpf versucht zu überleben. Das gilt auch für die Dämonen des Traumas. Sie müssen ‚essen’. Sie sind immer hungrig. Sie schaffen ‚Nahrung’ für sich, indem sie mehr Schmerz erzeugen. Wie kommt das Paradox zustande, dass Opfer von Misshandlungen selbst zu den schlimmsten Misshandlern werden? Das ist nicht logisch, aber für die Dämonen des Traumas ist es absolut ‚folgerichtig’, in Opfern von Misshandlungen zu wachsen und sich zu ernähren, indem sie den Schmerz wieder von neuem erzeugen.“ (S. 65f)

   … „Es gibt drei Gründe, warum es für jeden lebenswichtig ist, den Kampf gegen die Dämonen des Traumas zu gewinnen. Erstens, weil der Sieg über die Dämonen Heilung bedeutet, er beseitigt das Unglück und heilt Krankheiten. Krankheiten sind das Mittel, mit dessen Hilfe der Organismus versucht, das Trauma auf eigene Faust zu bekämpfen. Wie oft habe ich erlebt, dass Menschen in ganz bestimmten Lebenssituationen krank werden und nach Hilfe verlangen, Situationen, in denen der Dämon bei einem Menschen mit lückenhafter Erinnerung plötzlich aktiv wird. Deswegen treten viele Heilerfolge ein, wenn der Patient in der Lage ist, die Wurzel des Traumas auszumerzen.

   Zweitens glauben wir unter Berufung auf unsere Tradition, dass alles, was wir tun, mit den Generationen vor uns zusammenhängt und sich auf die Generationen nach uns auswirkt.“ …

   Drittens geht es dem Referenten Wladimir um den Tod. „Weil er eine Angst auslöst, die wir alle empfinden.“ Nicht als Angst vor dem Unbekannten, sondern als „Angst vor dem Bekannten, das von unserem Bewusstsein aber nicht als real anerkannt wird. Im Laufe unseres Lebens nisten sich die Traumata, die wir erleben, in uns als schmerzhafte Knoten ein, die von den Dämonen noch fester gezurrt werden. Wenn sich diese Knoten im Laufe unseres Lebens nicht lösen, wird das nach unserem physischen Tod geschehen. Und es spielt keine Rolle, ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht. … Würde es für Sie von großer Bedeutung sein, ob das alles innerhalb von Minuten nach dem Tod geschieht, obwohl Sie persönlich es als eine Ewigkeit der Qual erleben?“ (S. 67 – 70)

 

Wladimir und seine Leute werden „Traumheiler“ genannt. Sie „arbeiten mit der Wiederherstellung der Erinnerung in  Träumen und lassen so in der Erinnerung keinen Raum mehr für die Dämonen des Traumas, wenn sie geheilt ist. Wir bringen den Menschen bei, ihren Traumata ins Gesicht zu sehen und zu sagen: ‚Ich kenne dich. Ich kenne deinen Namen’, und sich so davor zu schützen, dass sie von den Dämonen zerstört werden.“ (S. 74)

 

Wladimir wendet sich mit seinem seit Generationen weitergegebenen Wissen auch an die westliche Welt, in der es keine Übergangsrituale mehr gibt, in denen traumatische Knoten der Vergangenheit durch Initiationsriten gelöst werden. Stattdessen häufen sich die Traumata auf einer kollektiven Ebene an und schaffen ein Bedrohungspotenzial, das noch gefährlicher ist als zu der Zeit, als die Dämonen des Traumas Weltkriege auslösten.

 

Seinen Vortrag beendet Wladimir mit der Einladung, die Traumaarbeit in Samarkand, in Zentralasien, kennen zu lernen um als geheilter Mensch auch andere zu heilen und Heilung für die Welt zu bewirken.

 

Der weitere Roman erzählt davon, wie die Psychiaterin ihre eigenen Traumata in Samarkand heilt.

 

Auf diese Geschichte möchte ich gar nicht weiter eingehen. Für mich ist es viel relevanter, dass ich beim Lesen dieses Romans erstmals erfahren und verstanden habe, wie wichtig Gedenkstätten für die Heilung von Traumata sind. Ich denke dabei an die jährlichen Treffen von Überlebenden aus den KZs. Wie wichtig es doch für diese Menschen ist, dass sich ihre Erinnerungslücken schließen, damit sich dort nicht „die Dämonen des Traumas“ oder Angst und Panik einnisten.

 

Ich selbst habe heuer im Frühjahr eine Gedenkstätte in Slowenien für die Opfer der Partisanen besucht und war tief bewegt davon, auf einem Holzsteg buchstäblich ‚über Leichen zu gehen’.

 

Die Überlegungen zum kollektiven Trauma lassen mich auch verstehen, warum Serben und Kroaten noch heute von der Schlacht am Amselfeld reden, als hätte sie nicht vor Jahrhunderten, sondern erst vor ein paar Jahren stattgefunden.

 

Sie helfen mir eine Antwort zu finden, warum die Nachkommen der Juden heute als bis an die Zähne gerüstete Militärmacht ohne Skrupel die Palästinenser unterdrücken und libanesische Städte bombardieren.

 

Sie helfen mir auch zu verstehen, warum für die Muslime die Kreuzzüge noch  gegenwärtiger sind, als mir die Nachrichten von gestern Abend. Wenn also heute ein Christ eine Karikatur Mohammeds zeichnet oder der Papst den Fortschritt im Islam in Zweifel zieht, dann treiben die Dämonen der Kreuzzüge abertausende Muslime hasserfüllt auf die Straßen. Ihre Dämonen verschließen ihnen die Augen und sie sehen keinen Unterschied mehr zwischen einem Kreuzritter und dem Papst. Sie haben dann keine Hemmungen, ihn mit Mussolini oder Hitler gleich zu setzen.

 

Auch unter einander kämpfen die Schiiten und die Sunniten einen erbitterten und manchmal tödlichen Kampf, der auf die Auseinandersetzung zweier Frauen Mohammeds um deren Religionsauslegung zurückgeht und in jeder Generation die Knoten des Traumas fester gezurrt hat.

 

Wenn ich über das alles nachdenke, wird mir klar, dass ich meine persönlichen Knoten lösen muss, damit ich nicht von kollektiver Angst erfasst werde, und den Mitmenschen und der Welt dann keinen Dienst mehr erweisen kann. Ich reise nicht besonders gerne, darum werde ich auch nicht nach Samarkand fahren. Zum Glück bietet unsere eigene Kultur ebenfalls eine Menge Methoden zur Behandlung und Auflösung von Traumata. Sei es die, schon seit 100 Jahren bewährte Psychoanalyse oder das modernere EMDR. An den Methoden mangelt es bei uns nicht. Ich hoffe, dass die Einsicht, wie wichtig es ist Traumatisierungen zu integrieren, auch durch Bücher wie Olga Kharitidis „Samarkand“ immer mehr und mehr Menschen erreicht.