BUCHBESPRECHUNG

 

In aller Liebe. Wie Mütter ihre Kinder unglücklich machen.

Louis Schützenhöfer

Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2004

ISBN 3-8000-7037-5

 

 

Gerade als dieses Buch auf den Markt kam, bat mich mein 27-jähriger Sohn, in seine Therapiestunde mitzukommen. Es war nicht angenehm. Er hat mich hart mit Erinnerungen konfrontiert, in denen ich als Mutter keine gute Figur gemacht habe. Es war stellenweise unangenehm, stellenweise peinlich. Am Ende der Stunde war ich aber stolz auf meine Erziehung: Ich habe meinen Sohn zu einem kritischen Menschen erzogen, der auch das Verhalten seiner Mutter  – egal, wie abhängig er von mir auch sein mag – in der ganzen Bandbreite zwischen „0“ und „10“ zu erkennen mag. Ich weiß nicht, ob er vorher im Buch von Louis Schützenhöfer geschmökert hat.

 

Als Psychotherapeutin habe ich dieses Buch jedoch vielfach meinen KlientInnen empfohlen, und das hat meine weitere Arbeit sehr erleichtert. Ich gehöre keineswegs zu jenem Personenkreis, der die Mütter pauschal verteufelt, aber wo die Mutter vom Teufel geritten wird, da sollen die Kinder es auch erkennen dürfen.

 

In meiner Praxis, mit vorwiegend KlientInnen im Alter von 35 plus, bekomme ich es indirekt vor allem mit den „Machtmüttern“ und den „Opfermüttern“ zu tun. Die eine tyrannisiert ihren Sohn mit einem großen Stadthaus, das sie nur dann übergeben will, wenn ihr Sohn endlich die „richtige Frau“ nach Hause bringt. Die andere zeigt sich leidend, wenn sie hinter dem Vorhang deutlich sichtbar weint, wenn ihr Sohn am Montag zur Arbeit in die Stadt fährt. Wenn er am Freitag wieder zurückkommt, steht sie glücklich strahlend hinter dem Vorhang, so als hätte sie sich eine Woche lang nicht von dort weg bewegt. Dem Sohn bricht beinahe das Herz: Sie ist ja so arm, sie ist Witwe, sie hat ja niemanden. Dass jemand, der in unserer überbevölkerten Welt „niemanden hat“, das vielleicht gar nicht anstrebt, weil er bzw. sie ohnehin ihr jüngstes Kind in Geiselhaft hat, das dämmerte dem Sohn erst nach einigen zerbrochenen Beziehungen und nach der Lektüre von Schützenhöfers Buch.

 

Bei den jüngeren KlientInnen, die etwas seltener in meine Praxis kommen, dominiert vor allem die narzisstische Mutter. „Sie hat mich von einem Tanzturnier zum anderen gekarrt, und dazwischen musste ich auch noch die Klassenbeste sein. Meine Mutter hat keine Mühen gescheut um mich zu Höchstleistungen anzuspornen. Wenn ich heute auch nur daran denke, sie anzurufen, wird mir schlecht, ich bekomme Magenschmerzen und alle Zustände.“ Das Buch „In aller Liebe“ zu lesen, war für diese Klientin wie eine Offenbarung. Das was bisher selbstverständlich und alltäglich war, konnte sie plötzlich kritisch hinterfragen.

 

Und die lieblosen Mütter, die gibt es auch zuhauf. Heute heißt die Klage noch, für meine Mutter kam ich zum falschen Zeitpunkt auf die Welt: Nachkriegszeit, arbeiten, Hausbauen, Wäschewaschen mit der Hand … Ich warte aber schon auf die ersten KlientInnen, die klagen werden, dass ihre Mütter nie Zeit hatten, weil sie ständig arbeiten, einkaufen, fernsehen oder handyfonieren  mussten.

 

Louis Schützenhöfer behauptet nicht, dass die Väter die besseren Erzieher wären. Im Gegenteil, sie sind schwach, uninteressiert, haben sich ausgeklinkt oder waren nur sporadisch verfügbar und ergänzen idealtypisch die erwähnten Mütter. Doch sein Hauptinteresse gilt nun Mal den Müttern. Wer das Verhalten der Väter kritisch hinterfragen möchte, muss das selbst tun, vielleicht auch ein neues Buch auf den Markt bringen. Ich bin sicher, viele erwachsene Kinder die von ihren Vätern unglücklich gemacht wurden, warten schon auf so ein Buch.

 

Dr. Herta Scheucher, Psychotherapeutin, Graz