Die Typenlehre von Grossarth-Maticek
Vorauszuschicken ist, dass Typologien Konstrukte sind, die differenzierende Vergleiche erlauben und auch dann nützlich sind, wenn keine einzige Person in der Wirklichkeit diesen Typen entspräche.
Diese Typologie „bringt Wechselfälle der Selbstregulation und bezogenen Individuation in den Blick, die sowohl für Krankheitsentwicklung als auch für Krankheitsverhütung relevant sind.“
Typ I
Menschen dieses Typs sind bei der Befriedigung und Aktivierung solcher Bedürfnisse und Antriebe gehemmt, die sie selbst und wichtige andere als selbstsüchtig und eigennützig empfinden und bewerten. Z.B., sich frei von Druck entspannen und regenerieren; über sich selbst zu bestimmen und seine eigenen Wege zu gehen; sich gegen wichtige andere abgrenzen und durchsetzen.
Nach ihrer eigenen Bewertung wäre das ein Verrat, ein Versagen, eine Abkehr von Menschen oder Zielen, an deren Anerkennung und Erreichung ihnen alles gelegen ist. Um solchen Erwartungen gerecht zu werden, nehmen sie vieles in Kauf.
Dabei verzweifeln sie, verlieren alle Hoffnung oder werden hyperaktiv bis zur Erschöpfung. Nach innen sind sie leblos und gestresst, nach außen harmonisierend, verständnisvoll, überfleißig und überbesorgt. Damit dämmen sie Angst ein, verhindern aber nicht ihre chronische Überlastung.
„Alles, was negativ bewertet wird – und dazu rechnet nun alles als aggressiv, kritisierend oder egoistisch wahrgenommenes Verhalten – bleibt im inneren Parlament unberücksichtigt, wird nicht gewürdigt, hat keine Stimme, wird in den Untergrund verbannt.“
Sein Verhalten ist durch Harminisierenwollen gekennzeichnet.
Typ II
Ihm fällt es leicht Aggression und Frustration zu zeigen. Er findet immer wieder Ziele für Attacken und Beschwerden. Das gibt kurzfristig ein Gefühl von Stärke. Sie sind aber auch nicht erfolgreich bei der Veränderung ihrer Lebenslage und es bleibt bei hilfloser Erregung. Das macht Angst und verstärkt wieder die Erregung. In diesem Parlament wird nur die kämpferische Fraktion zugelassen, die Missstände anprangert. Die Fraktion hingegen, die sich um Verständnis bemüht, die entgegenkommen und verstehen möchte, wird in den Untergrund verbannt.
Typ III
Personen dieses Typs haben es mit einem inneren Parlament zu tun, in dem es zu häufigen heftigen Fehden kommt, ohne dass eine Fraktion auf Dauer dominiert. Nach außen wirken sie oft zerrissen. Nach innen große Reibungsverluste. Im längeren Zeitverlauf erscheinen sie immer wieder von gegensätzlichen Antrieben und Zielen beherrscht. Dabei bricht oft Angst durch. Phasen von Hemmung und hilfloser Erregung wechseln sich ab. Die inneren Konflikte geben auch zu äußeren Konflikten Anlass: Man projiziert die eingene, jedoch sichnicht zu eigen gemachte Gewinn- und Machtsucht auf andere, rekrutiert diese anderen gleichsam als Projektions- und Austragungsorte der eigenen Binnenkonflikte, bekämpft so die negative innere Konfliktpartei in diesen, riskiert dadurch jedoch das Auseinanderbrechen bestehender und unter Umständen existenziell wichtiger Beziehungen. Das Verhalten mutet neurotisch oder psychotisch an, ist dem Überleben durch seine Flexibilität jedoch nicht abträglich. In Beziehungen schlägt das Pendel häufig zwischen Nähe und Distanz um. Das Leben kann phasenweise exzessiv und dann wieder asketisch gestaltet sein.
Typ IV
Hier lässt sich von einem dauerhaft funktionierenden inneren Parlament und von einer gelingenden Außenvertretung sprechen. Sie vermögen einerseits, eine große Palette unterschiedlicher Gefühle und Bedürfnisse zuzulassen und auszudrücken, und vermögen andererseits zu lernen, wie sich diese Bedürfnisse auch unter veränderten Lebens- und Beziehungsbedingungen befriedigen lassen. Sie lernen aus Versuch und Irrtum. Sie können Nähe und Distanz auf Dauer erfolgreich regulieren. Sie schaffen immer wieder aktiv die Bedingungen, unter denen sich ihr Organismus, soweit dies möglich ist, von selbst zu regulieren vermag. Sie können sich ein Wohlbefinden verschaffen, das ihrer Selbstregulation zugute kommt.
Das bedeutet nicht, dass es diesem Typ immer gut geht. Aber wenn Probleme auftreten, wie etwa Depressionen oder Ängste, wissen sie sich selbst aktiv zu helfen.
Typ V
Menschen dieses Typs versuchen ebenfalls Ambivalenz und Konflikte zu vermeiden. Dazu verklären sie Rationalität. Sie sind hochgradig vernunft- und prinzipiengesteuert. Dennoch berechen von Zeit zu Zeit bestimmte Bedürfnisse und Gefühle durch. Im inneren Parlament herrscht die Regierungspartei lange Zeit sehr vernünftig, bis sie plötzlich durch Attentate der aus dem Gefühlsuntergrund operierenden Oppositionspartei erschüttert wird. Darauf folgen Angst und hilflose Erregung. Immer höhere Dosen Antidepressiva und schließlich Selbstmordversuche können die Folge sein.
Typ VI
Menschen dieses Typs erinnern an ein chaotisch dahinwurstelndes und korruptes inneres Parlament. Bestimmte Bedürfnisse und Antriebssysteme setzen sich darin immer wieder unbekümmert und das „Gemeinwohl“, das heißt, ohne Rücksicht auf mögliche negative Konsequenzen sowohl für das eigene Überleben als auch für das Befinden der Mitmenschen durch. Normen und Spielregeln fehlen. Asoziales, wie auch süchtiges Verhalten kann auftreten und ergibt eine auf Selbstdestruktion abzielende Mischung.