BUCHBESPRECHUNG

 

Bis zuletzt die Liebe.

Als Paar im Schatten einer tödlichen Krankheit.

Hans Jellouschek

Herder Verlag, Freiburg i.B. 2002

ISBN 3-451-27989-4

 

Zwei Jahrzehnte waren sie ein Paar, 18 Jahre davon verheiratet, 16 Jahre dieser Zeit mussten sie sich den Herausforderungen durch den Krebs stellen.

 

Wer Hans Jellouschek als Psychotherapeut und Buchautor kennt, und daher annimmt, der wusste sowieso, was er zu tun hatte, als seine Frau – Margarethe Kohaus-Jellouschek -  mit der Diagnose Non-Hogdkin-Lymphom konfrontiert wurde, der irrt gründlich.

 

Auch er war zunächst hilflos und hat sich genauso daneben benommen, wie andere „normale Sterbliche“, wenn sie zum ersten (und hoffentlich einzigen) Mal einem derartigen Schicksalsschlag ausgesetzt sind. Seine Frau, die zu Beginn ihrer Krankheit bereits eine anerkannte Familientherapeutin war, hat ihn jedoch gebührend gefordert und so die Krankheit zu einer Chance für einen gewaltigen Entwicklungsschub gemacht.

 

Die erste Herausforderung für die Beiden war es, die Krankheit als gemeinsame Sache zu sehen – sie als „Dritten“ anzunehmen um die Partnerschaft nicht entzweien zu lassen.

 

Zunächst suchte die erkrankte Frau Sicherheit, Geborgenheit und emotionalen Beistand. Der Mann schaltete instinktiv auf Sicherung der Existenzbedingungen um. Für ihn bedeutete Sicherheit geben, Geld verdienen. Für sie hätte es ein Einlassen auf Mitgefühl, Angst und Trauer bedeutet. Das Paar geriet in eine tiefe Krise. Mit Unterstützung ihrer Paartherapeutin und FreundInnen schafften sie es jedoch, sich selbst Entlastung zu verschaffen und das Annehmen von Unterstützung, sowohl im emotionalen, wie auch später im pflegerischen Bereich, zu erlernen.

 

Trotz der vielfachen Überforderung, hat das Ehepaar – mit seinem familientherapeutischen Hintergrundwissen – sich immer wieder Inseln der Erholung geschaffen. Mit viel Verständnis und auch mit Nachdruck hat seine Frau dafür gesorgt, dass auch er im Kreise seiner Freunde immer wieder auftanken konnte und jegliche Anflüge einer totalen Selbstaufgabe, wie es bei pflegenden Angehörigen immer wieder vorkommt, zurückgewiesen.

 

Ein weiterer zentraler Punkt, mit dem sich viele KrebspatientInnen herum schlagen ist die Frage nach der Schuld. „Habe ich falsch gelebt?“ „Habe ich etwas falsch gemacht?“, lauten die zentralen Fragen. (Siehe Text: Psychische Unterstützung kann den Schaden subjektiver Erklärungsmodelle zur  Krebsentstehung verringern.) Dadurch entsteht ein enormer Leistungsdruck, das Falsche schnell noch in Ordnung zu bringen.

 

Die Lösung dieses Konfliktes brachte die konsequente Frage: „Wozu fordert diese Krankheit jetzt heraus?“ „Was haben wir bisher vermieden, uns nicht getraut?“ Die Antworten mündeten letztlich in der Orientierung auf die Lebensqualität. Sie ließen sich darauf ein, den Krebs als Ansporn zu nehmen, um alles in ihrem Leben zu ändern, was sie sowieso schon ändern wollten und alles zu tun, was sie längst schon tun wollten.

 

Das Ehepaar Jellouschek ließ sich dabei auf vielfältige Handlungen ein, die nicht logisch aber psycho-logisch waren: Sie veränderten die berufliche Situation, bauten ein Haus und Therapiezentrum, nahmen Gesangsunterricht, wanderten, meditierten, beteten und betteten sich ein in einen Kreis von verlässlichen Freunden.  Sie ließen sich die Verwirklichung ihrer Pläne „vom Krebs nicht verbieten“. In den Bereichen, die der Krebs nicht unmittelbar beeinträchtigte, lebten sie so, als gäbe es ihn nicht.

 

Trotz allem ist Margarethe Kohaus-Jellouschek gestorben. Die Schmerzen eskalierten und sie wurde immer schwächer, die Medikamente zeigten nicht mehr die gewünschte Wirkung. Einer ihrer letzten Wünsche war es, „bei Bewusstsein zu sterben“. Auch das gelang ihr nicht, da die Schmerzmittel-Dosis ihr Bewusstsein trübte. Dennoch war ihr Abschied vom Leben und der Abschied des Ehepaares von ihrem gemeinsamen Leben ein bewegender Prozess, der für viele KrebspatientInnen und ihre PartnerInnen eine Anregung für den eigenen Umgang mit dem bevorstehenden Tod sein könnte.

 

Nach dem Tod seiner Frau, nahm sich Hans Jellouschek viel Zeit für die Trauerarbeit und wandte sich danach wieder dem Neubeginn zu. Das Vermächtnis seiner Frau fasst er in drei Stichworten zusammen:

Liebevolle Sorgfalt  -  Liebevolle Gelassenheit  -  Liebevolle Großzügigkeit.

 

© Dr. Herta Scheucher, Rudolf-List-Gasse 45, 8010 Graz, Tel. & Fax: 0316/46 38 74